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Bildmontage: Ein Arm vor blauem Hintergrund, auf dem sich ein menschlicher Umriss, Smartphones und Herzen bewegen.

"ICH MUSS WISSEN, WAS ICH BRAUCHE"

Für Forscherinnen und Forscher in der Digitalen Medizin sind Datenspenden wie Blutspenden. Sie helfen zu heilen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Roland Eils über die Vorteile von digital und KI*-gestützten Behandlungen – heute und in Zukunft.

Interview: Karen Cop // Fotos: IStock (6), privat

Unser Gesundheitssystem ist ein großer Erfolg: Auch dank guter medizinischer Versorgung werden wir immer älter und können sogar mit schweren Krankheiten länger leben. Doch auch deshalb wird es personell wie finanziell zunehmend belastet und wir müssen neue Weichen für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem stellen. Ist die Digitale Medizin der Königsweg?
Keiner würde sagen, dass wir alle Probleme im Gesundheitsbereich lösen, wenn wir komplett digitalisieren. Wir werden auch in Zukunft Grundlagenforschung, Medikamentenentwicklung oder Versuche im Labor brauchen, die mit Digitalem nichts zu tun haben. Andererseits gibt es bestimmte Bereiche, in denen wir durch digitale Ansätze eine absolute Trendwende hinlegen können. Z. B. bei der Prävention ist viel Luft für Entwicklung.

Für die Vorsorge werden wir zunehmend selbst verantwortlich sein, richtig?
Hier kann Digitale Gesundheit helfen, Gesundheitsdaten zu erfassen, die wir bislang kaum betrachten. Bei Vorsorge denkt man heute an Mammografie und Check-ups. Das ist unglaublich wichtig, aber es gibt sehr viel niederschwelligere digitale Maßnahmen, um ergänzend einen großen Beitrag zur Prävention leisten zu können. Das sind so triviale Sachen wie ein Fitnesstracker, der Vitalparameter misst: Puls, Sauerstoffsättigung, etc., für die intelligenten Systeme im Hintergrund. Das Wichtigste ist, dass ich Daten zur Verfügung stelle. Wenn viele Menschen diese Daten erheben und der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, profitiert nicht nur der Einzelne langfristig davon. Sie tragen auch dazu bei, den Wissensstand in der Wissenschaft so weit voranzubringen, dass er zukünftigen Generationen nützt.

Können Sie uns ein weiteres Beispiel für den Nutzen der Digitalen Medizin nennen?
Nehmen wir eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, die die moderne Geißel unserer älter werdenden Gesellschaft ist. Es wäre doch super, wenn ich z. B. als 30-Jährige/r wüsste: Wie hoch ist tatsächlich mein Risiko, eine schwere Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen? Und noch wichtiger: Was kann ich denn tun, um es zu verringern? Und zwar nicht theoretisch, sondern um konkret an Stellschrauben zu drehen, die wir als modifizierbare Parameter erachten. Modifizierbar ist: Meine Ernährung umzustellen oder mich mehr zu bewegen. Wenn ich z. B. wüsste, dass jeden Tag 1.000 oder 2.000 gut in den Alltag integrierbare Schritte mein persönliches Herzinfarkt-Risiko um 20 Prozent senken, überlege ich mir, das eher umzusetzen, als allgemeine Empfehlungen zu befolgen. Nicht modifizierbar ist die genetische Information, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe.

Um meine ererbte Veranlagung zu erkennen, ist Diagnostik nötig. Ist diese mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) schneller, günstiger und effektiver möglich?
Für die Erhebung brauchen Sie keine KI, aber um diese in einen Kontext zu bringen. Das machen wir heute schon standardmäßig: Wir nehmen eine Probe eines Tumors, bestimmen den genetischen Fingerabdruck und können mit der Diagnose die maßgeschneiderte Therapie für die Patientin oder den Patienten entwickeln. Das geht, weil wir in diesem Bereich Daten in großer Menge vorliegen haben und Systeme, die uns sagen, wie sie zu interpretieren sind.

Portrait von Prof. Dr. Roland Eils.
Prof. Dr. Roland Eils ist Gründungsdirektor des Zentrums für Digitale Gesundheit am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), Ordinarius für Bioinformatik und funktionelle Genomik an der Universität Heidelberg, Direktor des Heidelberger Zentrums für personalisierte Onkologie (DKFZ-HIPO) sowie Mitglied der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Genetik, biomedizinische Informatik, Digitale Medizin, Big-Data Analytik, Entwicklung computerbasierter Analyse-Methoden und personalisierte Medizin.

Bei Ihnen laufen die Fäden zusammen für unterschiedliche Spezialisierungen – wie verknüpfen Sie diese?
Was ich am DKFZ (Deutschen Krebsforschungszentrum) aufgebaut habe und weiter mitverfolge, ist z. B. die genannte genetische Charakterisierung von Tumoren und daraus datengeschützte Therapieempfehlungen zu erstellen. Wir werden sehen, wie viel dem KI-basierten System verglichen mit den Standard-Diagnostikern auffällt. Und wir werden die Vorteile zeigen, sowohl für einzelne Patienten als auch für die Gesellschaft. Denn wenn spezifischer, zielgerichteter und erfolgreicher behandelt werden kann, hat nicht nur der Patient oder die Patientin etwas davon, wir ersparen auch dem Gesundheitssystem Kosten. Drittens: die behandelnden Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte haben mehr Zeit für die persönliche Betreuung, wenn es intelligente Systeme im Hintergrund gibt, die ihnen die Datenanalytik und Dateninterpretation von den Schultern nehmen.

Kurz: Die Medizin der Zukunft kann mit der Digitalisierung personalisierter und besser mit Blick auf den Behandlungserfolg sein.
Ja. Wir als stationäre Krankenversorger wissen nicht, was mit unseren Patientinnen und Patienten passiert, wenn sie in die Reha gehen. Etwa die Hälfte sehen wir erst wieder, wenn sie erneut mit einem Herz-Kreislauf-Problem ins Krankenhaus müssen. In der Zwischenzeit kann viel passiert sein: Konnte die Patientin oder der Patient wieder 100 Stufen pro Tag hinaufgehen oder nur drei oder wollten sie sich gar nicht bewegen? Wenn wir viele der Informationen regelmäßig geliefert bekommen, können wir Risiken auslesen und rechtzeitig sagen: „Wir würden Sie gerne früher zur Kontrolle einladen.“ Und bei anderen Patienten: „Oh, Sie laufen jeden Tag drei Kilometer und scheinen auf einem guten Weg zu sein!“

Manche Menschen beunruhigt der Gedanke, einen Tracker zu tragen, der sie vermisst und Daten versendet…
Alles beruht auf Freiwilligkeit. Wir klären auch in allen Bereichen der Digitalen Gesundheit auf, was mit den Daten gemacht wird – anders als Monopolisten, die Daten für kommerzielle Zwecke absaugen. Und wir erleben, dass Patientinnen und Patienten mit einer schweren Erkrankung wie Krebs in der Regel kein Akzeptanzproblem haben. Die sagen: Alles, was mir hilft, ist gut. Doch auch Personen, zu denen wir sagen müssen: „Wir können für Sie gar nicht mehr so viel tun“, weil sie schon im fortgeschrittenen Stadium einer Krebserkrankung sind, sagen oft: „Dann will ich wenigstens dabei helfen, dass in einer zukünftigen Generation weniger Menschen daran sterben müssen“ und stellen der Forschung ihre Daten zur Verfügung.

Wird die neue elektronische Patientenakte unsere Gesundheitskompetenz stärken?
Mit der elektronischen Patientenakte erhalten wir den Rechtsanspruch auf unsere Gesundheitsdaten und nicht wie bisher nur theoretisch, weil z. B. Röntgenaufnahmen beim Arzt, der Ärztin oder im Krankenhaus liegen. Damit kann ich selbst per App auf alles zugreifen. Sie wird dazu beitragen, dass die Patientin oder der Patient selbstbestimmt und eigenverantwortlich im Mittelpunkt steht.

Hat die Covid-19-Pandemie die Digitalisierung auch in der Medizin beschleunigt?
Ganz klar. Wir haben in der Pandemie ein Netzwerk der Universitätsmedizin in Deutschland gegründet, eine Initiative, die auf den Vorstandsvorsitzenden der Charité, Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, sowie den Institutsvorsitzenden Prof. Dr. Christian Drosten zurückgeht, die das Projekt mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, aus der Taufe gehoben haben. Seitdem machen wir digital unterstütztes Impf- und Immun-Monitoring. Die so gewonnenen Daten werden auch modernen KI-basierten Analyseverfahren zugeführt. Das hätten wir ohne den Leidensdruck der Pandemie in Jahren nicht geschafft. Die Digitale Medizin kann die gesundheitliche Versorgung auch demokratischer machen. Wir alle, ob arm oder reich, können auf das Medizinwissen zugreifen. Wenn wir weltweit ein vernetztes Gesundheitssystem hätten, würde die Diagnose und Behandlung eines Krebspatienten in der letzten Ecke eines armen Landes auf derselben Basis getroffen wie in einem hochentwickelten Land.

„Digividuum“ ist ein von Zukunftstrendforschern geschaffenes Wort für die Verschmelzung von Mensch und digitaler Technologie. Was meint es?
Wir sprechen von einem „Digital twin“, einem Abbild von mir im Computer. Natürlich nicht jeder einzelnen Zelle, jedes Moleküls – das ist vielleicht in fünf Generationen denkbar. Aber wir können heute schon bestimmte molekulare Mechanismen, die ursächlich mit der Entstehung bestimmter Krankheiten verbunden sind, im Computer abbilden und maßgeschneidert anpassen auf ein genetisches Profil oder eine Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Erkenntnisse und Anwendungsmöglichkeiten werden in den nächsten zehn, 20 Jahren mehr werden. Und wenn ich weiter in die Zukunft spekuliere, kann ich mir auch vorstellen, dass die digitale Technologie für Lebensstile prägend sein wird. Dann sagt die KI vielleicht: „Lieber Herr Eils, Sie sind ja sportlich aktiv, aber trinken Sie nur halb so viel Wein.“

Was wünschen Sie sich persönlich für den Fall, dass Sie in noch ferner Zukunft einmal krank werden?
Ich wünsche mir, dass möglichst viele meiner Gesundheitsdaten vorliegen, sodass die Ärztin oder der Arzt mit KI-Unterstützung die bestmögliche Diagnose und Therapieentscheidung treffen kann. Und wenn ich in einen Reha-Prozess eingebunden bin, dass meine Pflegerin, mein Pfleger, meine Physiotherapeutin oder mein Physiotherapeut sagen kann: „Hier, Herr Eils, ist Ihr Trainingsplan. Mit Ihren Daten konnten wir alles perfekt für Sie einstellen. ///

*KI= Künstliche Intelligenz


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