NICHT OHNE MEIN SMARTPHONE.
Wenn die Angst, ohne Smartphone dazustehen, übermächtig wird, sprechen Experten von Nomophobie – der Furcht, offline zu sein. Was hinter dem Phänomen steckt und wie man sich davon lösen kann.
Fast jeder kennt dieses unangenehme Ziehen im Bauch, wenn das Smartphone nicht auffindbar ist. Kein Wunder – das Gerät ist längst weit mehr als ein Telefon. Es ist Terminkalender, Kamera, Hörbuch, Navigationssystem, digitaler Treffpunkt und Portemonnaie in einem. Und für viele ist die künstliche Intelligenz auf dem Smartphone auch Sparringspartner für Alltagsfragen. Wenn der Gedanke daran, nicht erreichbar zu sein, regelrecht Angst auslöst, kann das auf Nomophobie hinweisen. Der Begriff kommt aus dem Englischen: „No Mobile Phone Phobia“ – also die Angst davor, ohne Smartphone zu sein. Wie viele Menschen betroffen sind, lässt sich nicht genau sagen, da die Forschung recht unterschiedliche Ergebnisse liefert: In Studien zeigen rund drei Viertel der Befragten moderate Ausprägungen von Nomophobie, schwere Formen werden mit etwa einem Fünftel angegeben.
SUCHT ENTSTEHT NICHT ÜBER NACHT.
Nomophobie ist zwar bisher keine anerkannte psychische Störung, die Symptome sind aber real und reichen von innerer Unruhe bis zu Schweißausbrüchen, Herzrasen, Schlafstörungen und Depression. „Wenn solche Beschwerden auftreten, ist das Kind aber schon in den Brunnen gefallen“, sagt Niels Pruin. Der Psychotherapeut leitet das Fachgebiet Medien- und Internetsucht des Caritasverbandes der Diözese Augsburg und arbeitet als Suchttherapeut. Er beobachtet: „Viele merken zu spät, dass sie zu viel Zeit am Smartphone und in den sozialen Medien verbringen.“ Sie kommen erst zu ihm, wenn ihr digitales Stresslevel immer höher wird und sie des Kommunikations- und Informationsdrucks nicht mehr Herr werden. Einen „digitalen Burn-out“ nennt er es, wenn das Gehirn durch den Überfluss an Informationen komplett überlastet ist.
Wir haben viele Fähigkeiten an unser Handy ausgelagert.
DAS PROBLEM: DER WUNSCH NACH SICHERHEIT.
Aber woran liegt es, dass wir so anfällig dafür sind, abhängig von unseren Smartphones zu werden? „Zum einen geht es um das menschliche Grundbedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle“, sagt Niels Pruin. „Wer regelmäßig aufs Display schaut, will unbewusst sicherstellen, dass alles in Ordnung ist, er keine Nachricht verpasst und nirgends den Anschluss verloren hat.“ So entsteht vermeintlich ein Gefühl von Kontrolle über das Umfeld und die Welt. Fehlt der Zugang zu unbegrenzten Informationen, entsteht Unsicherheit, Nervosität, das diffuse Gefühl, abgehängt zu sein. „Wir haben viele Fähigkeiten an unser Handy ausgelagert – dadurch wächst das Gefühl der Unsicherheit, wenn wir das Gerät nicht bei uns haben.“
Schon gewusst?
Alle zwölf Minuten schauen wir durchschnittlich auf unser Smartphone – das ergab eine Studie der Universität Bonn.
Gefährliche Trends im Netz.
Hinzu kommt: Soziale Bestätigung wirkt im Gehirn wie eine Belohnung. Likes, Nachrichten oder neue Follower setzen Dopamin frei – das Glückshormon, das auch bei positivem sozialen Kontakt ausgeschüttet wird. Dieses Prinzip machen sich viele Social-Media-Plattformen zunutze. Sie orientieren sich dabei am Konzept des sogenannten Behavioural Design, für das der Psychologe B. J. Fogg die Grundlage geschaffen hat. Er beschreibt, dass drei Faktoren zusammentreffen müssen, damit ein Mensch eine Handlung ausführt: Motivation, Leichtigkeit und ein Auslöser. Übertragen auf die digitale Welt, liefert der Wunsch nach sozialer Nähe die Motivation, das Greifen zum Handy ist kinderleicht – und den Auslöser liefert oft schon ein Vibrationssignal oder schlicht die Wartezeit an der Bushaltestelle. Doch diese Mechanismen bergen eine andere Gefahr: In sozialen Medien verbreiten sich Falschmeldungen, sogenannte Fake News, oder gefährliche Trends besonders schnell – und sie treffen vor allem Jugendliche, deren Urteilsvermögen und Medienkompetenz sich noch entwickeln. Dies zeigt ein aktueller TikTok-Trend: Junge Leute nehmen Herzmedikamente gegen Angst – etwa vor Prüfungen. Immer wieder kommt es so zu Vergiftungen und Todesfällen. Denn die Beta-Blocker können das Herz so stark drosseln, dass es aussetzt. Besonders in Australien und den USA ist der Hype auf dem Vormarsch.
MEDFLUENCER: MEDIZIN AUS DEM NETZ.
Ob Ärzte, Pflegekräfte, Medizinstudenten: Viele informieren zu Krankheiten, Operationen, Therapien oder Impfungen. Wie erkennt man seriöse Profile?
- Auf dem Profil ist klar erkenntlich, welchen medizinischen Abschluss der Influencer hat – mit Angaben zu Fachrichtung und beruflicher Position.
- Die Person gibt Quellen wie etwa Studien, Fachliteratur oder offizielle Leitlinien an.
- Bewirbt der Medfluencer Produkte wie Nahrungsergänzungsmittel oder vermeintliche Medizin- produkte wie LED-Gesichtsmasken? Falls ja, sollte Werbung klar gekennzeichnet und von medizinischen Inhalten getrennt sein.
- Ein seriöser Mediziner weist darauf hin, dass Social Media keinen Arztbesuch ersetzt und distanziert sich von Online-Diagnosen.
- Im Mittelpunkt stehen fundierte Informationen – und nicht überspitzte Schlagzeilen.
- Wie geht die Person mit Kritik um? Gute Medfluencer beantworten Fragen, räumen Wissenslücken ein und regen zu Diskussionen an.
Die wachsende Einflusskraft solcher Inhalte spiegelt sich auch in der politischen Debatte wider: Immer mehr Stimmen fordern, die Handynutzung an Schulen stärker zu regulieren. So gilt in Bayern bereits ein Handyverbot an Grundschulen, das Ministerpräsident Markus Söder noch bis zur 7. Klasse ausweiten möchte. Auch andere Länder wie Frankreich oder Italien haben bereits strikte Regelungen eingeführt – mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche vor Ablenkung, aber auch vor der ständigen Konfrontation mit manipulativen oder gefährlichen Online-Inhalten zu schützen. So gilt in Frankreich seit 2018 ein Verbot der Nutzung von Mobiltelefonen oder elektronischen Kommunikationsgeräten in Kindergärten, Grund- und Mittelschulen.
In Italien besteht ein bundesweiter Erlass, wonach die Nutzung von Mobiltelefonen im Unterricht verboten ist. „Wir Erwachsenen hingegen haben den Vorteil, dass wir eine Zeit ohne Handys und iPads erlebt haben“, sagt Pruin. „Wir kennen das befriedigende Gefühl, selbst auf eine Lösung gekommen zu sein, ganz ohne Hilfe von Suchmaschine oder KI – viele Kinder und Jugendliche heute nicht mehr.“ Deshalb ist er für ein Handyverbot an Schulen, hält aber nichts davon, das Problem auf die Lehrer abzuwälzen: „Natürlich brauchen wir Schulen, an denen Medienkompetenz unterrichtet wird. Aber die Verantwortung liegt vor allem in den Familien – dort muss ein Alltag vorgelebt werden, in dem das Smartphone nicht die Hauptrolle spielt. Die beste Vorsorge ist, dass ein Kind lernt, offline mit Gefühlen wie Stress oder Langeweile umzugehen. Dass es Freunde im echten Leben hat, die es so akzeptieren, wie es ist.“ Jugendlichen komplett „den Stecker zu ziehen“, hält er nicht für realistisch: „Die Fähigkeit, das Medium Internet kompetent und verantwortungsbewusst zu nutzen, sollte das Hauptziel sein – und das gilt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für uns Erwachsene.“
WIR MÜSSEN UNS ÄNDERN.
Wir müssen also nicht alle unsere Smartphones wegwerfen. Es genügt, laut Niels Pruin, wenn wir uns daran erinnern, wofür sie eigentlich da sind: uns Arbeit abzunehmen – nicht, um uns gestresster zu machen. „Wir müssen den Medienkonsum aus dem Unterbewusstsein holen.“ Denn unsere digitalen Gewohnheiten laufen längst automatisch ab: das kurze Scrollen zwischendurch, der Griff zum Handy bei jeder Pause, das Checken von Nachrichten ohne Anlass. Wer versteht, wann und warum er zum Smartphone greift, kann sein Verhalten steuern. Das gelingt, wenn wir unsere Offline-Welt lebenswerter machen, „echte“ Erlebnisse wieder mehr genießen. „Fragen Sie sich: Was macht mich im realen Leben zufrieden? Woraus kann ich Kraft schöpfen, was kann ich richtig gut?“, rät Pruin. Und: Um unsere Glücksbatterie aufzuladen, brauchen wir Zeit für uns. Ohne Unterbrechungen, ohne Ablenkung. „Unser Gehirn braucht Leerlauf, wir sind nicht dafür geschaffen, ständig auf Abruf zu sein.“
KLEINE TRICKS SIND ERLAUBT.
Was dabei helfen kann, mehr Leerlauf ins Leben zu lassen: sich selbst auszutricksen. Niels Pruin rät, Push- Nachrichten auszuschalten und nicht zu viele Apps auf dem Handy zu haben. „Wenn ich merke, dass mir eine App nicht guttut, lösche ich sie.“ Er selbst hat Bad und Küche zur handyfreien Zone erklärt, außerdem liegt sein Handy immer am gleichen Platz in der Wohnung. „Wer sich den Zugang zum Handy erschwert, wird auch seltener draufschauen. Dabei kann es helfen, erst einen komplizierten Entsperrungscode eingeben zu müssen.“ Und wenn man den Bildschirm auf Grau stellt, sieht man die schillernde Online-Welt plötzlich in anderem Licht – Strände oder Luxusvillen wirken auf einmal erstaunlich belanglos. Und auch das Argument „Mein Handy weckt mich morgens“ lässt Pruin nicht gelten: „Steigen Sie einfach auf einen Wecker um.“ Für viele von uns eine Herausforderung: das Gefühl, sofort auf E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten reagieren zu müssen. Hier empfiehlt der Experte den Fünf-Minuten- Trick: „Nehmen Sie sich vor, erst in fünf Minuten nachzuschauen, wer gerade geschrieben hat. Sie werden es bis dahin vergessen.“ Dabei entsteht vielleicht auch die Erkenntnis: Das Umfeld erwartet gar nicht, dass wir sekundenschnell auf jede Nachricht reagieren. So können wir neue Routinen schaffen und wieder lernen, Pausen zuzulassen. Momente, in denen kein Bildschirm blinkt und die einfach uns gehören.
„BEIM SCROLLEN GIBT ES KEIN NATÜRLICHES ENDE.“
Niels Pruin ist Psychotherapeut und Suchttherapeut und engagiert sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien.

Unser Experte ist der Medientherapeut
Niels Pruin.
Herr Pruin, wie lässt sich messen, ob wir zu viel Zeit am Smartphone verbringen?
Ich würde nicht die Bildschirmzeit als einziges Kriterium anlegen, sondern vielmehr das, was ich am Handy mache. Wenn ich es nutze, um eine Sprache zu lernen oder einen journalistischen Artikel zu lesen, mich mit Menschen zu unterhalten – das sind ja positive Dinge. Problematisch wird es, wenn ich für Stunden in eine künstliche Welt eintauche und alles andere ausschalte.
Aber warum passiert genau das so vielen von uns?
Digitale Anwendungen sind bewusst so gestaltet, dass sie uns möglichst oft und lange an sich binden. Ein Vibrationssignal, eine rote Zahl oder eine scheinbar wichtige Info aktiviert sofort das Bedürfnis, nachzusehen. Das Scroll-Design ist so konzipiert, dass es kein natürliches Ende gibt. Ich müsste erst draufklicken, um es zu beenden, was mein Unterbewusstsein ja gar nicht will – das will lieber schauen, wie es weitergeht, immer neue Informationen haben.
Sind Jugendliche besonders gefährdet?
Leider ja. Fake News zum Beispiel werden von jungen Menschen als besonders interessant wahrgenommen, weil sie gezielt Emotionen ansprechen – etwa Wut, Angst oder Staunen. Denn unser Gehirn reagiert auf emotionale Reize stärker als auf nüchterne Fakten. Zur digitalen Bildung gehört deshalb, diese Mechanismen zu verstehen. Wer erkennt, wie stark solche Algorithmen unsere Wahrnehmung steuern, kann bewusster reagieren.
PSYCHOLOGISCHE BERATUNG.
Bei emotionalen Problemen können Sie sich an unseren Psychologischen Beratungsservice U21 wenden. Zusammen mit einem Psychologen entwickeln junge Erwachsene Handlungsstrategien zum Umgang mit psychischen Konflikten.
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