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Gemeinsam statt einsam.

Hunderte digitale Kontakte, aber niemand da zum Reden. Das kann sich sehr einsam anfühlen. Forschende warnen: Auf Dauer kann Einsamkeit der Gesundheit
schaden. Doch es gibt Wege, wieder mehr Verbundenheit ins eigene Leben zu holen.

Autorin: Carola Brand // Foto: getty

Einsamkeit kann jeden treffen: Junge Erwachsene fern von zu Hause. Eltern, deren Alltag sich fast nur noch um die Kinder dreht. Menschen, die aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen abgehängt sind. Der Tod eines Angehörigen kann einsam machen, ebenso wie die Entfremdung in der Partnerschaft – oder sogar eine Beförderung. Es mag überraschen, dass bei Befragungen Menschen unter 30 Jahren mindestens ebenso oft über Einsamkeit berichten wie Hochbetagte.

Ob es daran liegt, dass junge Erwachsene mehr Zeit in digitalen Welten verbringen, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Die Psychologie-Professorinnen Susanne Bücker und Maike Luhmann gehören zu den führenden Einsamkeitsforscherinnen in Deutschland.

Ihre Studien zeigen, es sind oft Lebensveränderungen wie Jobwechsel und Umzüge, aber auch persönliche Krisen, die Phasen der Einsamkeit auslösen können. Einsamkeit gilt in der Forschung grundsätzlich als subjektives Gefühl. Manche Menschen sind gern allein, fühlen sich aber nicht einsam. Sie lieben ihre „me time“, um ungestört ihren Interessen oder ihrer Arbeit nachzugehen. Alle paar Wochen ein Telefonat mit dem besten Freund oder ein Familienfest reichen ihnen als soziale Kontakte.

Andere wiederum empfinden das Alleinsein als Einsamkeit und damit als Defizit, das von ihnen mitunter sogar als körperlicher Schmerz beschrieben wird. Dabei ist Einsamkeit kein Schicksal. Schon kurze alltägliche Begegnungen können das Gefühl sozialer Verbundenheit stärken. Etwa in der Warteschlange beim Bäcker, im Bus oder bei einem Spaziergang.

 

Ich bin seit sechs Jahren in München. In meinem Beruf lerne ich viele Leute kennen. Trotzdem fühle ich mich manchmal einsam. Mir fehlen richtige Freundschaften.
Irma M., 38, Erzieherin

Spaziergänge für mehr Verbundenheit.

Die Corneliusbrücke in München ist Treffpunkt der „Munich Girls Talking & Walking“. Rund 50 Frauen haben sich versammelt, um eine knappe Stunde lang miteinander die Isar entlangzulaufen. Clare Carrington organisiert die Kennenlernspaziergänge über Instagram. „Man trifft sich mit echten Leuten und bewegt sich, da ist es leichter, Kontakte zu knüpfen“, sagt die 30-Jährige, die die Idee aus New York mitgebracht hat.

Solche Kennenlern-spaziergänge gibt es inzwischen auch in anderen deutschen Städten, einige sind auch offen für Männer. Das Konzept scheint aufzugehen:
Während des Spaziergangs herrscht munteres Stimmengewirr. Grüppchen finden sich, Gespräche entstehen. Eine Studentin erzählt, dass sie sich mehr Verbundenheit wünscht statt loser Kontakte an der Uni. Sie ist damit nicht die einzige.

Rund jeder Fünfte berichtet zumindest gelegentlich von Einsamkeitsgefühlen. Das zeigen Auswertungen einer repräsentativen Langzeitbefragung, an der ca. 30.000 Menschen teilnehmen. Forschende betrachten Einsamkeit deshalb zunehmend als Risikofaktor. Auch das Einsamkeitsbarometer* der Bundesregierung weist darauf hin, dass soziale Isolation häufig mit gesundheitlichen Belastungen einhergeht.

Nähe als Schutzfaktor.

Nähe und Verbundenheit wirken wie ein Schutzschild. Wer sich einer Gruppe anschließt, sei es einem Chor oder einem Kegelclub, lebt gesünder und unter Umständen länger, ergaben Forschungen aus den USA. In Großbritannien gibt es soziale Aktivitäten schon auf Rezept. Wer dort unter Einsamkeit, leichten Depressionen oder Stress leidet, kann sich ärztlich beraten lassen und bekommt passende Aktivitäten.

Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Nachbarschaftsinitiativen, Vereine oder Kurse an Volkshochschulen bringen Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen. Digitale Plattformen und Apps helfen ebenfalls, Begegnungen zu organisieren.

Manche Arbeitgeber bieten Kurse an, die auf einschneidende Veränderungen wie den Renteneintritt vorbereiten. Dass echte Verbundenheit trotz digitaler Vernetzung essenziell für unsere Gesundheit ist, erfahren Sie auch im neuen BMW BKK Podcast mit SPIEGEL-Bestsellerautorin Ronja von Wurmb-Seibel. Dort geht es u. a. auch darum, wie soziale Beziehungen das Wohlbefinden stärken und wie man aktiv mehr Nähe in den Alltag integrieren kann.

Einsamkeit ist auch Teil des Preises, den man für den beruflichen Aufstieg zahlt. Wenn man
das vorher weiß und akzeptiert, ist es leichter.
Roland H., 58, ehemaliger Manager

Kleine Schritte mit Wirkung.

Der Weg aus der Einsamkeit muss nicht mit einer großen Veränderung beginnen, auch kleine Schritte helfen: ein Gespräch im Treppenhaus oder ein Anruf bei einer alten Freundin. Dass es funktioniert, lässt sich am Ende des Girls-Walk auf der Corneliusbrücke beobachten. Die Gruppen zerstreuen sich nicht sofort, einige Frauen bleiben noch beieinander, verabreden sich oder tauschen Nummern aus. Einsamkeit verschwindet selten über Nacht. Aber manchmal reicht es, vor die eigene Tür zu gehen, um wieder Anschluss zu finden.

*Das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung beruht auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP),
für das regelmäßig 30.000 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger befragt werden.

Hier können Sie den Podcast „Zusammen: Warum wir Verbundenheit für unsere Gesundheit brauchen.“ hören:


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