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DIE BESTE BEHANDLUNG FÜR ALLE.

Biologische und soziale Unterschiede beeinflussen, wie Krankheiten entstehen und behandelt werden. Die geschlechtersensible Medizin nutzt dieses Wissen, um die Versorgung für alle zu verbessern.

Autorin: Ineke Haug // Foto: iStock (3), privat

Der Durchschnittspatient in der Medizin war lange klar definiert: männlich, etwa 75 Kilogramm schwer und mittleren Alters. Viele Studien richteten sich nach diesem Standard und an ihm wurden Medikamente getestet. Inzwischen weiß die Forschung, dass Frauen nicht einfach kleinere und leichtere Männer sind, sondern dass sich Erkrankungen je nach Geschlecht unterschiedlich zeigen. Hier setzt die geschlechtersensible Medizin an. Sie untersucht, wie Entstehung, Diagnose oder Therapieerfolg davon abhängen, ob wir eine Frau oder ein Mann sind.

Der Blick richtet sich aber nicht nur auf biologische Aspekte, wie Chromosomen, Hormone oder Organe, sondern auch das soziale Geschlecht: Rollenbilder, Erwartungen und Lebenssituationen. Denn auch diese beeinflussen, wie Menschen mit Gesundheit, Krankheit und medizinischer Versorgung umgehen. Oft lassen sich biologische und soziale Gründe auch nicht klar trennen: etwa, warum der Gewichtsabbau durch Sport bei Frauen schlechter funktioniert als bei Männern. Wahrscheinlich hat das etwas mit dem „sozialen Geschlecht“ zu tun. Aber es scheint auch biologische Gründe zu geben, denn der weibliche Körper ist darauf ausgelegt, Energie eher zu speichern.

MEDIZIN WAR VON MÄNNERN FÜR MÄNNER GEMACHT.

Medizin wurde lange Zeit von Männern für Männer gemacht: „Woran Ärzte und Wissenschaftler forschen, entscheiden diejenigen, die in hohen Positionen sitzen. Und das waren Männer. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts konnten Frauen ja noch nicht einmal Medizin studieren“, sagt Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld. Deshalb erleben Frauen auch heute noch Benachteiligung im Gesundheitswesen. Es gibt Studien, nach denen Schmerzen von Frauen im medizinischen Alltag anders bewertet werden als die von Männern. So erhalten Patientinnen bei gleicher Schmerzangabe in einigen Untersuchungen seltener Schmerzmittel oder müssen länger auf eine Behandlung warten.

Geschlechtermedizin betrifft alle, nicht nur Frauen.

„FRAUENLEIDEN“ LANGE NICHT ERNST GENOMMEN.

Ein Beispiel dafür sind die Wechseljahre. Bis vor einigen Jahren galten sie als natürliche Phase, über die wenig gesprochen und noch weniger geforscht wurde. Heute ist medizinischer Konsens: Hormonelle Schutzmechanismen gehen verloren und das Risiko für Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck steigt. Diese Veränderungen müssen in der ärztlichen Therapie unbedingt mitgedacht werden.

Es kann eine große Erleichterung für betroffene Frauen sein, wenn ihre Anliegen anerkannt werden. Das gilt auch für die Endometriose: Bei dieser chronischen Erkrankung wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter und verursacht im Zyklusverlauf häufig starke Schmerzen. Lange galt sie als „starker, aber normaler Regelschmerz“. Seit einigen Jahren beobachtet Sabine Oertelt-Prigione eine Veränderung: „Bei der Endometriose haben wir angefangen, unsere Geschlechterstereotypen zu überdenken und uns zu fragen, warum wir Schmerzen rund um den weiblichen Zyklus einfach so hingenommen haben. Es wurde einfach gesellschaftlich normalisiert und nicht hinterfragt.“


Schon gewusst?

87 Prozent der Patienten wünschen sich Hinweise auf geschlechtsspezifische Wirkungen von Medikamenten in der Packungsbeilage.


BEI FRAUEN BAUEN SICH WIRKSTOFFE OFT LANGSAMER AB.

Dass die Medizin historisch eher die Männer im Blick hatte, zeigt sich auch an den Dosierungsvorgaben vieler Medikamente: Sie orientieren sich häufig an Männern, weil das Medikament an männlichen Versuchstieren entwickelt und an Männern getestet wurde. Frauen haben aber einen höheren Körperfettanteil und einen anderen Hormonhaushalt – der Körper baut sie langsamer ab. Das kann dazu führen, dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken.

Fachleute sprechen hier auch von einer Gender-Data-Gap, also einer Lücke (engl. gap) im medizinischen Wissen über Unterschiede aufgrund des Geschlechts (engl. gender). „Viele Ärzte haben das aber mittlerweile im Blick und auch bei Medikamenten, die heute zugelassen werden, müssen Daten zu Männern und Frauen vorliegen“, sagt Sabine Oertelt-Prigione. Ein anschauliches Beispiel dafür, dass inzwischen genauer hingeschaut wird, ist das Schlafmittel Zolpidem.

Studien zeigten, dass Frauen den Wirkstoff langsamer abbauen als Männer und deshalb am Morgen häufiger noch hohe Wirkstoffspiegel im Blut haben. Das kann zu stärkerer Benommenheit führen – etwa beim Autofahren. Ein Lichtblick: Inzwischen verschreiben Ärzte Frauen eine niedrigere Anfangsdosis.

VON GESCHLECHTERSENSIBLER MEDIZIN PROFITIEREN ALLE.

Sabine Oertelt-Prigione betont aber: „Geschlechtersensible Medizin ist keine Frauenmedizin. Natürlich haben wir viel nachzuholen, wenn es darum geht, Frauen einzubeziehen – aber es geht vor allem darum, biologische und gesellschaftliche Prozesse besser zu verstehen. Und dann allen Patienten bestmöglich zu helfen.“ Denn auch Männer profitieren von einer geschlechtersensiblen Medizin: „Oft haben wir als Mediziner einen Standardpatienten im Kopf und das muss nicht immer ein Mann sein. Das führt dazu, dass man im Nachteil ist, wenn man nicht zu dieser Gruppe gehört.“ So werden Erkrankungen wie Osteoporose oder Autoimmunerkrankungen eher Frauen zugeordnet.

Mit der Folge, dass viele Männer verspätete Diagnosen erhalten. Und auch beim Thema Vorsorge haben Frauen einen Vorteil: Sie sind es von ihrer Jugend an gewohnt, regelmäßig die gynäkologische Vorsorge wahrzunehmen. „So erfahren sie, dass diese Routineuntersuchungen auch ohne akute Beschwerden wichtig sind und viele Vorteile für ihre Gesundheit bieten. Für Männer gibt es eine vergleichbare Untersuchung nicht, deshalb ist das Prinzip nicht gelernt.“

Die Folge: Frauen beteiligen sich stärker an Vorsorgeuntersuchungen, auch weil ihnen das Prinzip vertraut ist. Dabei haben Männer insgesamt ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken. Und: Hodenkrebs, der vor allem junge Männer betrifft, wird oft zu spät erkannt, da es für sie keine standardisierte Vorsorge beim Urologen gibt. Was Männer tun können: einmal im Monat unter der Dusche die Hoden vorsichtig zwischen Daumen und Fingern nach Veränderungen abtasten. Knoten oder Verhärtungen unbedingt ärztlich abklären lassen – das ist nach einem auffälligen Selbstcheck kostenfrei.

MÄNNER UNTERDRÜCKEN IHRE GEFÜHLE.

Auch Depressionen werden bei Männern oft später erkannt als bei Frauen. Denn die Symptome, die als typisch für die Erkrankung gelten – traurig und antriebslos zu sein oder sich zurückzuziehen – zeigen sich häufiger bei Frauen. Männer tragen ihren Schmerz eher nach außen, werden aggressiv oder trinken zu viel Alkohol. Außerdem holen sie sich später Hilfe. „Hier müssen wir auch fragen: Was erlauben wir Männern zu machen? Sieht unser Männerbild Traurigkeit überhaupt vor?“

Soziale Normen spielen eine große Rolle dabei, wie Menschen mit ihrer Erkrankung umgehen: „Für Frauen ist es nach wie vor akzeptabler, ihre Emotionen zu äußern. Viele Männer lernen das als Kinder nicht und unterdrücken später ihre Gefühle.“ Deshalb ist es wichtig, dass Männer sich überwinden, mit ihrem Arzt auch über ihre seelischen Empfindungen zu sprechen. Sonst bleiben Depressionen, Ängste oder andere psychische Erkrankungen unentdeckt.

Es geht also bei der geschlechtersensiblen Medizin nicht nur darum, die Unterschiede zu benennen – was eigentlich zählt, ist der nächste Schritt: Welche Konsequenzen ziehen wir aus den Erkenntnissen, gesellschaftlich und natürlich auch biologisch? Denn je genauer wir hinschauen, desto passgenauer werden Vorsorge, Diagnosen und Therapien.

Der Mensch zählt – nicht nur das Geschlecht.

Wie erkenne ich eigentlich, ob mein Arzt Geschlechterunterschiede auf dem Schirm hat? Sind Frauen medizinisch komplexer? Wir haben nachgefragt.

Sabine Oertelt-Prigione ist Internistin und seit 2021 Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld.

Wie kann ich erkennen, ob mein Arzt offen für eine geschlechtersensible Behandlung ist?

Ich würde einfach fragen: Müssen wir bei dieser Therapie etwas anpassen, weil ich eine Frau oder ein Mann bin? Und dann sehen Sie schnell, ob eine Offenheit für das Thema da ist. Wenn schon das Ansprechen ein Problem ist, dann ist das ein Hinweis, dass sich die Person nicht mit dem Thema auseinandersetzt.

Sind Frauen eigentlich medizinisch komplexer als Männer?

Auch Männer haben komplexe hormonelle Dynamiken, etwa stark schwankende Testosteronspiegel im Tagesverlauf. Zudem haben Männer ab 70 oft höhere Östrogenwerte als gleichaltrige Frauen. Der Unterschied liegt weniger in der biologischen Komplexität als darin, dass der männliche Körper lange als medizinischer Standard galt.

Gibt es auch Bereiche, in denen die geschlechterspezifische Medizin zu kurz greift?

Ja, wir sind ja viel mehr als unser Geschlecht. Körper können nicht einfach in zwei Gruppen eingeteilt werden, das ist zu kurz gedacht. Auch eine 30-jährige Frau und eine 60-jährige Frau haben vollkommen unterschiedliche Hormonprofile und reagieren beispielsweise unterschiedlich auf Medikamente. Am Ende geht es nicht um zwei verschiedene Arten von Medizin, sondern um eine, die genauer auf den einzelnen Menschen blickt.

Das ganze Interview mit Sabine Oertelt-Prigione können Sie hier hören:

VORSORGE FÜR MÄNNER UND FRAUEN.

Wichtige Untersuchungen zur Früherkennung und Vorsorge können je nach Geschlecht variieren. In unserer Übersicht finden Sie alle relevanten Gesundheitstermine für Männer und Frauen und unsere neuen Vorsorgeleistungen auf einen Blick.

www.bmwbkk.de/vorsorge


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